Sturm über dem See

Schlafen · Markus 4

Stille auf dem See

12 Min. · Stimme Michael · Mk 4,35-41

Die Sturmstillung, erzählt von einem Jünger im Boot. Der Sturm kommt früh, dann liegt der See lange still unter den Sternen.

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Leg dich hin und lass deinen Körper schwer werden. Das Bett trägt dich, du musst dich nicht mehr halten.

Atme ein, und lass den Atem langsam hinausfliessen.

Heute erzähle ich dir eine Geschichte vom See Gennesaret, so, wie einer der Jünger sie erlebt haben könnte, der mit im Boot sass.

Es ist Abend geworden am See. Den ganzen Tag waren Menschen da, so viele, dass Jesus vom Boot aus zu ihnen gesprochen hat, ein paar Meter vom Ufer entfernt. Jetzt gehen sie langsam nach Hause, in die Dörfer rund um den See.

Und Jesus sagt zu uns: Wir wollen ans andere Ufer hinüberfahren.

Wir nehmen ihn mit, so wie er ist, müde vom Tag. Ich stosse das Boot vom Ufer ab, das Holz schabt über die Kiesel, und dann trägt uns das Wasser. Ein paar andere Boote fahren mit.

Das Ufer entfernt sich langsam. Die Häuser werden klein, und in den Fenstern gehen die ersten Lichter an, eines hier, eines dort.

Das Boot ist mir vertraut. Ich kenne jede Planke, den Geruch von Teer und nassem Holz und das Knarren der Ruder in ihren Halterungen.

Jesus legt sich hinten ins Boot, auf das Kissen beim Steuer. Er schläft sofort ein, wie einer, der den ganzen Tag gegeben hat.

Draussen auf dem See wird es dunkler. Die Hügel am Ufer werden zu Schatten.

Dann kommt der Wind.

Er fällt von den Bergen herunter, wie so oft auf diesem See, schnell und kalt. Die Wellen werden höher, und Wasser schlägt über den Rand ins Boot. Wir schöpfen und rudern, und das Boot füllt sich trotzdem.

Und er schläft.

Wir wecken ihn. Meister, rufen wir, liegt dir nichts daran, dass wir untergehen?

Er steht auf. Er schaut in den Wind, und er sagt zum See: Schweige. Werde still.

Und der Wind legt sich.

Es wird ganz still. Völlige Windstille, so erzählt es Markus.

Jesus fragt uns, warum wir solche Angst hatten. Seine Stimme ist ruhig, fast sanft. Und wir sitzen da, nass bis auf die Haut, und staunen. Wer ist das, dass ihm sogar der Wind und der See gehorchen?

Jetzt liegt der See da wie ein Spiegel. Die letzten Wellen laufen aus und klatschen leise gegen die Bordwand, immer leiser, bis nur noch ein sanftes Schaukeln bleibt.

Ich tauche meine Hand ins Wasser. Es ist kühl und weich, und als ich sie herausziehe, glitzern die Tropfen im Sternenlicht.

Die Wolken ziehen weiter nach Osten, und dahinter kommt der Himmel zum Vorschein, tiefblau und klar. Ein Stern, dann noch einer, und dann so viele, dass man sie nicht mehr zählen kann.

Ich wringe mein Obergewand aus und lege es über die Bank. Die Nachtluft ist mild. Langsam wird mir wieder warm.

Wir rudern weiter, aber jetzt ohne Eile. Die Ruder tauchen ein, gleiten durchs Wasser und heben sich wieder. Tropfen fallen zurück in den See, und jedes Mal ist das Geräusch ein bisschen leiser.

Eintauchen und ziehen. Im Takt des Atems.

Die anderen Boote sind in der Nähe. Wir sehen ihre dunklen Umrisse auf dem Wasser und hören ihre Ruder. Einer summt leise ein Lied, das wir als Kinder gelernt haben.

Das Wasser riecht frisch, nach Regen und nach Schilf. Vom Ufer her kommt der Duft von Kräutern, die tagsüber in der Sonne gelegen haben.

Meine Arme sind müde vom Schöpfen. Ich lege die Hände in den Schoss und spüre, wie die Anspannung aus den Schultern weicht, ganz langsam, wie Wasser aus einem Tuch.

Jesus sitzt jetzt bei uns. Er sagt nicht viel. Er schaut über das Wasser, und einmal legt er mir die Hand auf die Schulter.

Irgendwo am Ufer leuchtet ein kleines Feuer, weit weg. Vielleicht Fischer, die ihre Netze flicken. Wenn die Luft sich bewegt, riecht man ganz schwach den Rauch.

Über uns zieht ein Nachtvogel vorbei, lautlos, nur ein Schatten vor den Sternen.

Der Mond steigt über die Hügel im Osten. Er legt eine silberne Bahn aufs Wasser, und wir fahren ganz langsam darauf zu.

Das Boot schaukelt sanft. Ich lehne mich an die Bordwand. Das Holz ist glatt und kühl und noch ein wenig feucht.

Einer der anderen sitzt am Steuer. Er kennt den Weg auch in der Nacht. Ich muss auf nichts mehr achten.

Meine Augen werden schwer. Ich höre das Wasser unter dem Boot, ein leises Glucksen, und die Schläge der Ruder, die immer langsamer werden.

Die Sterne spiegeln sich im stillen Wasser, so dass man kaum noch weiss, wo der Himmel aufhört und der See beginnt.

Jesus ist da, und das Boot ist sicher. Ich muss nicht mehr wach bleiben.

Der See ist still.

Und das Boot trägt uns, ganz langsam, zum anderen Ufer.

Werde still.