
Stille · Hören
Rede, ich höre
9 Min. · Stimme Leon · 1 Sam 3,1–10
Samuel hört nachts seinen Namen und weiss nicht, wer ruft. Eine Übung im Hören, bei der du einmal nichts sagen musst.
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Willkommen. Meistens reden wir, wenn wir beten. Wir danken und wir bitten. Heute versuchen wir das Umgekehrte. Wir hören.
Setz dich bequem hin. Die Füsse auf dem Boden, der Rücken aufrecht. Schliess die Augen, wenn du magst.
Atme ein paar Mal ruhig ein und aus. Du musst nirgends hin in den nächsten Minuten.
Zuerst eine Geschichte. Sie spielt im Tempel von Schilo, vor sehr langer Zeit. Ein Junge namens Samuel dient dort dem alten Priester Eli. Eli sieht kaum noch etwas. Es ist Nacht. Die Lampe Gottes brennt noch, und Samuel schläft im Tempel.
Da ruft eine Stimme: Samuel. Er antwortet: Hier bin ich. Und er läuft zu Eli und sagt: Du hast mich gerufen. Eli sagt: Ich habe nicht gerufen. Leg dich wieder schlafen.
Es passiert ein zweites Mal. Und ein drittes Mal. Samuel kennt die Stimme Gottes noch nicht. Er hält sie für die Stimme des alten Mannes nebenan. Eli sieht schlecht, aber er weiss, wie man hinhört. Manchmal braucht es einen zweiten Menschen, der uns sagt: Das könnte Gott sein.
Beim dritten Mal merkt Eli, wer da ruft. Und er sagt zu Samuel: Wenn du wieder gerufen wirst, dann antworte: Rede, Herr, denn dein Diener hört.
Samuel legt sich hin. Und Gott kommt und ruft wie die vorigen Male: Samuel, Samuel. Und der Junge antwortet: Rede, denn dein Diener hört.
Auch heute ruft Gott. Oft durch einen Gedanken, der bleibt, oder durch einen Menschen, an den wir plötzlich denken müssen. Und oft brauchen wir, wie Samuel, mehrere Anläufe, bis wir es merken.
Wir üben das Hören in drei Schritten. Zuerst hörst du nach aussen. Achte nur auf die Geräusche um dich herum. Das Summen des Kühlschranks. Ein Auto. Vögel. Die eigene Atmung. Du musst sie nicht benennen oder bewerten. Lass sie einfach an dein Ohr kommen.
Jetzt hörst du nach innen. Was ist in dir los? Welche Stimmung ist da? Müdigkeit, Unruhe, Freude, Leere? Du musst nichts ändern. Nur wahrnehmen, so wie du vorhin die Geräusche wahrgenommen hast.
Und jetzt der dritte Schritt. Sprich innerlich, langsam, den Satz des Samuel: Rede, Herr, ich höre.
Und dann warte. Halte dich einfach bereit. Wenn ein Gedanke, ein Bild, ein Name, ein Satz auftaucht, der dich berührt, dann halte ihn fest und schau ihn an. Wenn nichts kommt, bleibst du einfach da.
Wenn du merkst, dass du abgeschweift bist, sprich den Satz noch einmal. Rede, Herr, ich höre. Und warte wieder.
Vielleicht ist dir etwas begegnet. Ein Mensch, an den du denken musstest. Eine Sache, die du schon lange aufschiebst. Dann frag Gott: Was willst du mir damit sagen? Und hör weiter.
Rede, Herr, ich höre.
Du musst nichts festhalten, was kommt. Du kannst es nachher aufschreiben, wenn du willst.
Langsam kommen wir zum Ende. Wenn dir in dieser Stille etwas wichtig geworden ist, sag es Gott jetzt, in einem Satz. Wenn nicht, dann sag ihm einfach, dass du da warst.
Herr, du hast Samuel beim Namen gerufen, mitten in der Nacht, und ihm Zeit gelassen, bis er verstand. Lass mir auch Zeit. Und ruf mich weiter, bis ich dich erkenne. Amen.
Ein Vorsatz für heute: Hör einem Menschen heute so zu, wie du eben Gott zugehört hast. Ohne gleich zu antworten. Lass ihn ausreden, und warte noch einen Atemzug länger.
Öffne die Augen, wenn du so weit bist.