Psalmen, die tragen

Wenn eigene Worte fehlen, kann man sich Worte leihen. Die Psalmen 23, 91, 121 und 139 haben Menschen seit Jahrhunderten durch Krankheit, Trauer und lange Nächte begleitet. Hier stehen sie im Wortlaut, und du kannst jeden auch anhören.

Redaktion Weile · aktualisiert am 5. Oktober 2026

Schafe auf der Alp

Die Psalmen sind das Gebetbuch der Bibel: 150 Lieder und Gebete, viele davon aus Not geschrieben. Sie klagen, sie fragen Gott, warum er schweigt, und sie halten sich trotzdem an ihm fest. Vielleicht trösten sie gerade deshalb so viele Menschen. Alle Texte hier stammen aus der Übersetzung von Hermann Menge. Wer den Wortlaut Luthers im Ohr hat, wird manche Zeile anders kennen.

Psalm 23: Der Herr ist mein Hirt

Der Herr ist mein Hirt: mir mangelt nichts. Auf grünen Auen lässt er mich lagern, zum Lagerplatz am Bache führt er mich. Er erquickt meine Seele; er leitet mich auf rechten Pfaden um seines Namens willen. Müsst’ ich auch wandern in finsterm Tal: ich fürchte kein Unglück, denn du bist bei mir: dein Hirtenstab und dein Stecken, die sind mein Trost. Du deckst mir reichlich den Tisch vor den Augen meiner Feinde; du salbst mir das Haupt mit Öl und schenkst mir den Becher voll ein. Nur Gutes und Liebes werden mich begleiten mein ganzes Leben hindurch, und heimkehren werd’ ich zum Hause des Herrn für eine lange Reihe von Tagen. Psalm 23

Der bekannteste Psalm überhaupt. Viele haben ihn als Kind auswendig gelernt, viele hören ihn zum ersten Mal bewusst an einer Beerdigung. Mitten im Psalm wechselt die Sprache: Zuerst wird über Gott gesprochen («er lässt mich lagern»), im finsteren Tal dann direkt zu ihm («denn du bist bei mir»). Gerade dort, wo es dunkel wird, wird Gott zum Du.

Wann beten: wenn du nicht weisst, wie es weitergeht. Am Krankenbett, auch am Sterbebett. Wenn du nur eine Zeile behalten kannst, dann die vierte.

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Für die Nacht gibt es den Psalm in Weile auch als langsam erzählte Wanderung zum Einschlafen:

Schlafen · Psalm 23 · 13 Min.Auf grünen AuenJetzt anhören

Psalm 91: Im Schatten des Allmächtigen

Wer da wohnt im Schirm des Höchsten und im Schatten des Allmächtigen weilt, der spricht zum Herrn: «Meine Zuflucht und meine Burg, mein Gott, auf den ich vertraue!» Denn er ist’s, der dich rettet aus des Voglers Schlinge, von der unheilvollen Pest. Mit seinen Fittichen deckt er dich, und unter seinen Flügeln bist du geborgen, Schild und Panzer ist seine Treue. Du brauchst dich nicht zu fürchten vor nächtlichem Schrecken, vor dem Pfeil, der bei Tage daherfliegt, nicht vor der Pest, die im Finstern schleicht, vor der Seuche, die mittags wütet. … Denn seine Engel wird er für dich entbieten, dass sie dich behüten auf all deinen Wegen; auf den Armen werden sie dich tragen, damit dein Fuss nicht stosse an einen Stein. … «Weil er fest an mir hängt, so will ich ihn retten, will ihn schützen, denn er kennt meinen Namen. Ruft er mich an, so will ich ihn erhören; ich steh’ ihm bei in der Not, will frei ihn machen und geehrt.» Psalm 91,1–6.11–12.14–15

Psalm 91 ist der Psalm um Schutz. Die Kirche betet ihn bis heute in der Komplet, dem Nachtgebet am Sonntag. Er spricht offen von Pest und Seuche, von Schrecken in der Nacht. Wer in einer Pandemie, in einer Klinik oder in einer schlaflosen Nacht Angst hatte, findet sich darin wieder.

Ehrlich gesagt verspricht der Psalm mehr, als das Leben einlöst: Auch fromme Menschen werden krank. Man kann ihn trotzdem beten, als Bitte und als Ausdruck von Vertrauen. Das Bild vom Vogel, der seine Jungen unter die Flügel nimmt, spielt mitten in der Gefahr.

Wann beten: am Abend, wenn die Angst kommt. Vor einer Reise oder einer Operation. Für einen Menschen, um den du dich sorgst, mit seinem Namen statt «dich».

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Psalm 121: Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen: von wo wird Hilfe mir kommen? Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde geschaffen. Er wird deinen Fuss nicht wanken lassen; nicht schlummert dein Hüter. Nein, nicht schlummert und nicht schläft der Hüter Israels. Der Herr ist dein Hüter, der Herr dein Schatten über deiner rechten Hand, dass dich bei Tage die Sonne nicht sticht, noch der Mond in der Nacht. Der Herr behütet dich vor allem Übel, er behütet deine Seele; der Herr behütet deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit. Psalm 121

Psalm 121 gehört zu den Wallfahrtsliedern (Psalm 120 bis 134), die Pilger auf dem Weg nach Jerusalem sangen. Die Berge waren für sie Wegstrecke und Gefahr. Die Frage am Anfang ist echt: Woher kommt Hilfe? Die Antwort steht in der zweiten Zeile, danach kommt sechsmal das Wort «Hüter» oder «behüten».

Wann beten: bevor du aus dem Haus gehst, vor einer Reise, vor einem schweren Termin. Auch nachts, wenn du wach liegst: «nicht schlummert dein Hüter».

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Psalm 139: Du kennst mich

Herr, du erforschest mich und kennst mich; du weisst es, ob ich sitze oder aufstehe, du verstehst, was ich denke, von ferne; ob ich wandre oder ruhe, du prüfst es und bist mit all meinen Wegen vertraut; denn ehe ein Wort auf meiner Zunge liegt, kennst du, o Herr, es schon genau. Du hältst mich von hinten und von vorne umschlossen und hast deine Hand auf mich gelegt. … Und spräch’ ich: «Lauter Finsternis soll mich umhüllen und Nacht sei das Licht um mich her!» – auch die Finsternis würde für dich nicht finster sein, vielmehr die Nacht dir leuchten wie der Tag. … Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz, prüfe mich und erkenne meine Gedanken! Und sieh, ob ich wandle auf trüglichem Wege, und leite mich auf dem ewigen Wege! Psalm 139,1–5.11–12.23–24

Psalm 139 ist der Psalm für Tage, an denen du dich selbst nicht mehr verstehst. Er beschreibt einen Gott, vor dem man nicht davonlaufen muss und auch nicht kann. In der Mitte steht eine der tröstlichsten Stellen der Bibel für dunkle Zeiten: Auch die Finsternis ist für Gott nicht finster.

Wann beten: wenn du dich allein oder ungesehen fühlst. In einer Depression, wenn du ihn langsam und nur in kleinen Stücken liest. Oder am Abend, als Rückblick auf den Tag.

Psalm 139 · 3 Min.Du kennst michJetzt anhören

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Wie du einen Psalm in einer schweren Zeit beten kannst

  • Langsam. Lies ihn einmal ganz, dann ein zweites Mal und bleib an dem Vers hängen, der dich anspricht.
  • Laut. Psalmen waren Lieder. Gesprochen wirken sie anders als still gelesen, auch wenn du sie nur flüsterst.
  • Mit deinem Namen. Setz statt «dich» deinen Namen oder den eines Menschen ein, für den du betest.
  • Zum Anhören. Wenn du keine Kraft zum Lesen hast, lass dir den Psalm vorlesen. In Weile lesen ruhige Stimmen die Psalmen langsam vor, manche zweimal: einmal zum Hören, einmal zum Mitbeten.
  • Ein Vers für den Tag. Schreib dir einen Satz auf und nimm ihn mit.

Weitere Psalmen für schwere Zeiten

  • Psalm 42: für Zeiten, in denen Gott weit weg scheint. «Was betrübst du dich, meine Seele, und stürmst so ruhlos in mir? Harre auf Gott!»
  • Psalm 46: wenn die Welt wankt. «Gott ist uns Zuflucht und Stärke.»
  • Psalm 62: fürs Stillwerden. «Nur (im Aufblick) zu Gott ist meine Seele still: von ihm kommt meine Hilfe.»
  • Psalm 130: aus der Tiefe. «Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir.»
  • Psalm 22: der Schrei, den Jesus am Kreuz gebetet hat. «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?»
Psalm 42 · 3 Min.Wie der Hirsch nach WasserJetzt anhören

Mehr kurze Stellen zum Aufschreiben findest du bei den Bibelversen zum Trost, und wenn die Angst im Vordergrund steht, bei Beten, wenn du Angst hast.

Quellen

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