Den Tag lesen: das Gebet der liebenden Aufmerksamkeit

Beim Gebet der liebenden Aufmerksamkeit schaust du am Abend zusammen mit Gott auf deinen Tag: Wofür bist du dankbar, wo war er dir nahe, was tut dir leid, was nimmst du dir für morgen vor? Es dauert zehn Minuten und geht auf Ignatius von Loyola zurück. In Weile heisst es «Den Tag lesen».

Redaktion Weile · aktualisiert am 5. Oktober 2026

Bergsee in der Dämmerung

Kurz erklärt

Das Gebet der liebenden Aufmerksamkeit ist ein Rückblick auf den Tag, den du am Abend zusammen mit Gott machst. Es heisst auch Tagesrückblick, ignatianisches Abendgebet oder lateinisch Examen. Ignatius von Loyola, der Gründer der Jesuiten, hat es in seinem Exerzitienbuch beschrieben und seinen Mitbrüdern ans Herz gelegt.

Ignatius nannte es «allgemeine Gewissenserforschung». Das klingt nach Sündenregister und hat viele abgeschreckt. Im deutschen Sprachraum sprechen Jesuiten deshalb heute lieber vom Gebet der liebenden Aufmerksamkeit. Der neue Name trifft, was Ignatius wollte: aufmerksam werden für das, was Gott an diesem Tag getan hat, und zwar mit einem wohlwollenden Blick.

Den Tag lesen · Montag · 7 Min.Was heute begonnen hatJetzt anhören

Die fünf Schritte nach Ignatius

Im Exerzitienbuch (Nr. 43) stehen fünf Punkte. Hier sind sie in heutigen Worten, jeweils mit dem, was Ignatius selbst schreibt.

1. Danken

Ignatius beginnt mit dem Dank: «Gott, unserem Herrn, Dank sagen für die empfangenen Wohltaten.» Schau auf den Tag und such, was dir geschenkt wurde. Der Kaffee, den dir jemand hingestellt hat. Dass die Kleine heute ohne Weinen in die Kita gegangen ist. Ein Satz, der dir gutgetan hat. Sag Danke, einzeln, nicht pauschal.

2. Um Licht bitten

«Gnade erbitten, die Sünden zu erkennen.» Bevor du weiterschaust, bitte Gott, dass er dir zeigt, was du allein nicht siehst. Ein Satz genügt: «Gott, schau du mit mir auf diesen Tag.»

3. Den Tag durchgehen

Ignatius schreibt: «angefangen von der Stunde des Aufstehens bis zur gegenwärtigen Prüfung, Stunde um Stunde». Lass den Tag wie einen Film ablaufen. Achte darauf, wo er von selbst anhält. Wo warst du lebendig, froh, ganz bei der Sache? Wo warst du gereizt, leer oder hast dich weggeduckt? Du musst nichts bewerten. Schau nur hin und frag Gott: Was willst du mir damit sagen?

4. Um Verzeihung bitten

Wenn dir etwas leidtut, sag es Gott. Den scharfen Ton am Telefon, die Nachricht, die du nicht beantwortet hast, das Kind, das du nicht angehört hast. Bitte um Vergebung und lass es dann bei ihm. Unter Freunden redet man auch über das, was schiefgegangen ist, und danach ist es gut.

5. Nach vorn schauen

«Besserung sich vornehmen mit seiner Gnade», schreibt Ignatius, und dann ein Vaterunser. Nimm dir für morgen eine einzige, kleine Sache vor. Danach schliesst du mit dem Vaterunser oder einem Segen.

Wie Weile das Gebet umsetzt

Die Abendgebete in Weile folgen diesem Ablauf, in einer etwas freieren Form. Wir nennen es «Den Tag lesen». Jeden Abend kommen drei Fragen, jede mit zwanzig bis vierzig Sekunden Stille:

  • Wo war heute ein Geschenk?
  • Wo hat mich heute etwas gestreift? Damit ist alles gemeint, was nachklingt: ein Satz, eine Begegnung, eine Unruhe, auch etwas, das dir leidtut.
  • Was lege ich zurück in deine Hand?

Dazu kommt an jedem Wochentag eine eigene Frage, etwa am Dienstag «Wo war ich heute treu?» oder am Freitag «Was hat heute wehgetan?». Alle Abendgebete der Woche findest du im Ratgeber zum Abendgebet und unter Abend.

Der Dank steht immer zuerst, wie bei Ignatius. Wer abends mit den eigenen Fehlern beginnt, sieht das Gute oft gar nicht mehr. Wer mit dem Dank beginnt, kann danach auch das Schwierige ruhiger anschauen.

Den Tag lesen · Donnerstag · 7 Min.Genug für heuteJetzt anhören

Weile ist gratis und ohne Werbung. Du kannst sofort im Browser beginnen.

Weile öffnen

Fragen für den Tagesrückblick

Wenn dir die fünf Schritte zu abstrakt sind, nimm eine dieser Fragen und bleib bei ihr. Eine Frage pro Abend reicht.

  • Wofür bin ich heute am meisten dankbar?
  • Wann habe ich mich heute lebendig gefühlt?
  • Wann war ich heute am weitesten weg von mir selbst?
  • Wem bin ich heute begegnet, und wie habe ich ihn angeschaut?
  • Was hat heute angefangen?
  • Wo bin ich heute an eine Grenze gekommen?
  • Was möchte ich heute nicht mit in den Schlaf nehmen?

Die ignatianische Tradition kennt dafür zwei Wörter: Trost und Trostlosigkeit. Gemeint sind Momente, in denen du dich Gott und den Menschen nah fühlst, und solche, in denen du dich verschliesst. Wer über Wochen darauf achtet, entdeckt Muster. Vielleicht merkst du, dass dich bestimmte Gespräche immer leer zurücklassen oder dass dir die Viertelstunde am Morgen im Garten mehr gibt als gedacht.

Den Rückblick festhalten

Manche schreiben nach dem Gebet ein paar Worte auf. Das hilft, nach einem Monat zu sehen, was sich verändert hat. Auch Ignatius selbst hat ein geistliches Tagebuch geführt. Wie das geht, steht im Ratgeber Gebetstagebuch.

In Weile gibt es dafür ausserdem den Krug: drei kleine Zettel am Abend, ein Dank, etwas zum Ablegen und etwas, das du gegeben hast. Die Zettel sind eine Kurzform des Tagesrückblicks und passen gut ans Ende des Gebets. Mehr dazu im Ratgeber Sorgen abgeben.

Häufige Fragen

Wann bete ich das Gebet der liebenden Aufmerksamkeit?

Am besten am Abend, bevor du müde wirst. Ignatius hat empfohlen, es zweimal am Tag zu beten, am Mittag und am Abend. Für die meisten ist einmal am Abend ein guter Anfang.

Ist das eine Gewissenserforschung vor der Beichte?

Es ist verwandt, aber das Ziel ist ein anderes. Vor der Beichte schaut man gezielt auf Schuld. Beim Tagesrückblick geht es zuerst um Dank und um Aufmerksamkeit für Gottes Spuren im Tag. Schuld kommt vor, steht aber nicht im Mittelpunkt.

Was, wenn ich mich an den Tag kaum erinnere?

Dann fang beim letzten Moment an und geh rückwärts. Oder nimm nur einen einzigen Moment, der dir einfällt, und bleib bei ihm. Das genügt.

Quellen

Weiterlesen