Das Jesusgebet
Das Jesusgebet besteht aus einem einzigen Satz: «Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner.» Du betest ihn langsam im Rhythmus des Atems, immer wieder, bis er von selbst in dir weiterklingt. Hier findest du den Text, eine Anleitung und eine Übung zum Anhören.
Redaktion Weile · aktualisiert am 5. Oktober 2026

Der Text
Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner.
Das ist die gebräuchlichste Fassung. Es gibt kürzere und längere. Manche sagen «erbarme dich meiner, des Sünders», andere nur «Herr Jesus Christus, erbarme dich», und manche beten am Ende nur noch den Namen «Jesus». Eine feste, verbindliche Form gibt es nicht. Nimm die, die dir am leichtesten über die Lippen geht, und bleib dann eine Weile bei ihr.
GebetJesusgebetGanzen Text lesenSo betest du das Jesusgebet
- Setz dich hin. Aufrecht, die Füsse auf dem Boden, die Hände ruhig. Augen zu, wenn du magst.
- Atme ein paar Mal tief. Dann lass den Atem von selbst gehen. Du musst ihn nicht steuern.
- Leg die Worte auf den Atem. Beim Einatmen sagst du innerlich «Herr Jesus Christus». Beim Ausatmen «erbarme dich meiner». Ohne Stimme, langsam.
- Kehr zurück. Wenn Gedanken kommen, lass sie vorbeiziehen und nimm den Satz wieder auf. Du musst dabei nichts fühlen.
- Beginn mit zehn Minuten. Stell einen Wecker. Am Schluss bleib noch einen Moment still sitzen und sag Danke.
Wer das Jesusgebet länger übt, merkt oft, dass es vom Kopf tiefer rutscht, in die Brust, in die Gegend des Herzens. Daher kommt der Name Herzensgebet. Das lässt sich nicht erzwingen. Die alten Lehrer raten, es geschehen zu lassen und nicht danach zu suchen.
Weile hat eine angeleitete Übung, die dich Satz für Satz ins Jesusgebet hineinführt, mit langen Pausen zum Mitbeten:
Woher das Jesusgebet kommt
Die Wurzel liegt im Evangelium. Vor Jericho sitzt ein blinder Bettler am Weg, Bartimäus. Als er hört, dass Jesus vorbeikommt, ruft er: «Sohn Davids, Jesus, erbarme dich meiner!» (Markus 10,47). Die Leute wollen ihn zum Schweigen bringen, er ruft nur lauter, und Jesus bleibt stehen. Dazu kommt das Gebet des Zöllners im Tempel, der sich nicht einmal traut aufzuschauen: «Gott, sei mir Sünder gnädig!» (Lukas 18,13). Und die Aufforderung des Paulus: «betet ohne Unterlass» (1. Thessalonicher 5,17).
Wie soll man ohne Unterlass beten? Die Mönche in den Wüsten Ägyptens und Palästinas haben darauf eine praktische Antwort gefunden. Sie wiederholten den ganzen Tag einen kurzen Satz aus der Bibel, bei der Arbeit, beim Gehen, beim Flechten von Körben. Daraus wurde mit der Zeit die Anrufung des Namens Jesu. Die Form «Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner» ist seit dem sechsten Jahrhundert bezeugt.
Im Mittelalter haben Mönche auf dem Berg Athos das Gebet mit dem Atem verbunden. Diese Bewegung heisst Hesychasmus, vom griechischen Wort für Ruhe. Ihr bekanntester Lehrer war der Theologe Gregor Palamas im vierzehnten Jahrhundert. 1782 erschien in Venedig die Philokalie, eine grosse Sammlung von Texten über das innere Gebet. Sie wurde bald ins Russische übersetzt.
In den Westen kam das Jesusgebet vor allem durch ein kleines Buch: die «Aufrichtigen Erzählungen eines russischen Pilgers», zuerst 1870 in Kasan gedruckt. Ein namenloser Pilger hört in der Kirche das Wort «betet ohne Unterlass» und will wissen, wie das geht. Ein alter Mönch lehrt ihn das Jesusgebet. Der Pilger wandert damit durch Russland, und irgendwann betet das Gebet in ihm weiter, auch wenn er an anderes denkt. Das Buch wurde in viele Sprachen übersetzt und wird bis heute gelesen.
Im 20. Jahrhundert haben katholische und evangelische Lehrer das Herzensgebet im deutschen Sprachraum bekannt gemacht, unter anderem der Benediktiner Emmanuel Jungclaussen und der Jesuit Franz Jalics mit seinen kontemplativen Exerzitien.
Was die Kirche dazu sagt
Der Katechismus der katholischen Kirche widmet dem Jesusgebet einen eigenen Abschnitt. Dort heisst es: «Die Anrufung des Namens Jesu ist der einfachste Weg des ständigen Betens» (Nr. 2668). Wer den Namen Jesu mit einem aufmerksamen Herzen oft wiederhole, verliere sich nicht in vielen Worten. Das Gebet gehört damit allen Kirchen: Es ist orthodox in seiner Herkunft, wird von Katholiken geübt und ist in evangelischen Kommunitäten verbreitet.
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Weile öffnenDas Jesusgebet im Alltag
Das Jesusgebet braucht keinen besonderen Ort. Gerade darum ist es für Menschen gemacht, die wenig Zeit haben. Ein paar Gelegenheiten:
- In der Warteschlange. An der Kasse, im Lift, an der Ampel: einmal den Satz.
- Beim Gehen. Ein Schritt für «Herr Jesus Christus», einer für «erbarme dich meiner».
- Nachts, wenn du wach liegst. Der Satz ist kurz genug, dass er auch müde funktioniert. Mehr Hilfe für schlaflose Nächte steht im Ratgeber Gebet vor dem Schlafen.
- Für andere. Statt «erbarme dich meiner» sagst du «erbarme dich seiner» oder «erbarme dich ihrer» und denkst an einen bestimmten Menschen.
In der Ostkirche benutzen viele dazu eine Gebetsschnur mit Knoten, ähnlich wie einen Rosenkranz. Bei jedem Knoten wird das Gebet einmal gesprochen. Das hilft, nicht mitzuzählen und trotzdem dranzubleiben.
Häufige Fragen
Ist das Jesusgebet eine Art Mantra?
Äusserlich ähnelt es einem Mantra, weil ein Satz wiederholt wird. Der Unterschied liegt darin, dass du jemanden ansprichst. «Erbarme dich meiner» ist eine Bitte an Jesus, und jedes Mal, wenn du den Satz sagst, wendest du dich ihm zu. Mehr dazu, wie sich christliche Meditation zu anderen Formen verhält, steht im Ratgeber Christliche Meditation.
Was bedeutet «erbarme dich»?
Das hebräische Wort für Erbarmen ist mit dem Wort für den Mutterschoss verwandt. Es meint keine Herablassung. Der Satz heisst ungefähr: Schau mich an, wende dich mir zu, ich brauche dich.
Wie oft soll ich es beten?
Für den Anfang einmal am Tag zehn Minuten. Dazu so oft du willst zwischendurch, auch nur einmal. Es gibt keine Zahl, die man erreichen muss.